Gewinner und Verlierer

In Ermangelung eines passenderen Fotos hier Rudolf Stichweh während seines Vortrags auf der Preconference „Publikationsstrategien in der Kommunikationswissenschaft“ am 30. März 2017 in Düsseldorf

Am 30. März 2017 fand im Rahmen der 62. DGPuK-Jahrestagung in Düsseldorf eine Preconference zum Thema „Publikationsstrategien in der Kommunikationswissenschaft“ statt. Organisiert wurde die Tagung von Birte Fähnrich, Jutta Milde, Cornelius Puschmann und Lars Rinsdorf. Ich wurde als Vertreter des kommunikations- und medienwissenschaftlichen Nachwuchses eingeladen und gebeten, einen Response auf den Vortrag von Alexander Ruser zu halten. Da die Manuskripte zu den Vorträgen leider nicht veröffentlicht werden, möchte ich meinen Vortrag hier dokumentieren.

Alexander Ruser ging in seinem Vortrag „Die Stunde der Häretiker? – Externe Zwänge, interne Kämpfe und ihr Einfluss auf wissenschaftliche Karrieren in der ‚ökonomisierten‘ Wissenschaft“, der bisher leider online nicht zugänglich ist, der These nach, dass die „Ökonomisierung“ und „Quantifizierung“ der Wissenschaft nicht (nur) auf einen Druck von außen – etwa seitens der Wirtschaft oder Politik – zurückzuführen ist, sondern zumindest teilweise die Folge eines Inside Jobs sei: „Zweifellos“, so sagte er, „existieren auch Gewinner und damit potenzielle Komplizen und Kollaborateure der gegenwärtigen Veränderungen“. Als eben solche Gewinner macht er „empirisch und kooperativ arbeitende, international orientierte Sozialforschers mit Fachartikeln in ‚angesehen‘ Fachzeitschriften in Co- Autorschaft“ aus, während der „akademische Einzelkämpfer mit einem Interesse an (Groß)Theorie und dem Abfassen deutschsprachiger Monographien“ der prototypische Verlierer sei.

In meiner Antwort auf Alexander Ruser habe ich seine Leitunterscheidung von Gewinnern und Verlierern aufgegriffen und auf die prekäre Situation des wissenschaftlichen Mittelbaus angewandt. Nachgegangen bin ich dabei der Frage, welche Folgen diese Situation für das Publikationsverhalten der Nachwuchswissenschaftler/innen hat und was dies für das Publikationswesen etwa der Kommunikationswissenschaft bedeutet. Hier das Manuskript zu meinem Vortrag:

Da ich zu dieser Konferenz explizit als Vertreter des wissenschaftlichen Nachwuchses eingeladen wurde, wird sich mein Vortrag im Folgenden auch dieser Perspektive widmen. Ergänzen möchte ich die Ausführungen von Alexander Ruser dabei um zwei Punkte: Erstens will ich noch einmal deutlich machen, was die beschriebene Entwicklung für diesen Nachwuchs konkret bedeutet. Und werde dabei mit dem The-Winner-Take-All-Phänomen ein bestimmtes ökonomisches Prinzip in den Blick nehmen – wobei es um andere Gewinner/innen und Verlierer/innen gehen wird, als diejenigen, über die wir bisher gesprochen haben. Zweitens möchte ich zeigen, welche Auswirkungen dies auf das Publikationswesen in unserem Fach hat.

Das Winner-Take-All-Prinzip wurde von den Ökonomen Robert H. Frank und Philip J. Cook in ihrem Buch „The Winner-Take-All-Society. Why the Few at the Top Get So Much More Than the Rest of Us“ (Frank & Cook, 1995) ausführlich beschrieben. Gemeint ist das Phänomen, dass sich viele der gesellschaftlich zur Verfügung stehenden Ressourcen, wie etwa Aufmerksamkeit, auf eine nur sehr kleine Gruppe, die Elite, verteilt. Dies sei etwa der Fall im Film, dem Sport oder der Kunst. Überall werden Rankings erstellt und Preise verliehen und diejenigen, die dann mit den Preisen oben auf diesen Rankings landen, sind in der Folge die alles einnehmenden Gewinner. Die These der beiden Autoren ist nun, dass sich dieses Prinzip mit der Zeit auf weitere Bereiche der Gesellschaft ausdehnt; und meine These ist, dass die Wissenschaft es bereits vollständig verinnerlicht hat.

In dem kürzlich veröffentlichten Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs kann man das gut nachvollziehen. Dort steht: 93 Prozent der Nachwuchswissen­schaftler/innen an Hochschulen und 84 Prozent an Forschungseinrichtungen sind befristet beschäftigt. Die Hälfte davon mit einer Laufzeit unter einem Jahr. Ob man eine unbefristete Professur bekommt, also perspektivisch abgesichert und selbstbestimmt forschen kann – kurz: zu den Gewinner/innen des Wissenschaftssystems gehört –, entscheidet sich im Durchschnitt in einem Alter von 41 Jahren; also so spät, dass, wie der Wissenschaftsrat in seinen Empfehlungen zu Karrierezielen und -wegen an Universitäten meint, „dann eine Karriere außerhalb der Wissenschaft oder auch nur eine Berufstätigkeit auf ausbildungsadäquatem Niveau nicht mehr ohne weiteres erreichbar ist“ (S. 32).

Seit dem Jahr 2000 hat zudem die Anzahl der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter um knapp 50 Prozent zugenommen, während die Anzahl der Professuren in dieser Zeit stagnierte (siehe Abbildung 1). Also: Die Anzahl der Gewinner/innen bleibt gleich, die Zahl der Verlierer/innen aber steigt drastisch an. Derzeit beträgt das Verhältnis 1 : 6, und dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass nur rund 20 Prozent der derzeitigen Professorinnen und Professoren in den kommenden zehn Jahren altersbedingt ausscheiden werden.

Abbildung 1: Relation hauptberufliche Professoren zu wiss. und künstler. Mitarbeitern, Dozenten und Assistenten nach Finanzierungsarten an Universitäten und gleichgest. Hochschulen von 2000 bis 2012 (Quelle, S. 95)

Was macht das nun mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs?

Der gerät, wie der Soziologe Heinz Bude (2014) in seinem Buch „Gesellschaft der Angst“ schreibt, unter „Performanzdruck“ (S. 51): „Es reicht [.] nicht allein der Nachweis einer traditionellen Zugangsvoraussetzung in Gestalt eines Bildungszertifikats, von Habitussicherheit oder […] Loyalitätsbekundung. Man muss ein Extra bieten, das einen klüger, glänzender und wagemutiger als der graue Rest erscheinen lässt“ (ebd.).

Dieses performative Extra wird – und nun komme ich zu den Konsequenzen für das Publikationswesen in unserem Fach – zunehmend durch Veröffentlichungen in Fachzeitschriften zu erreichen versucht. Denn solche Publikationen versprechen diejenigen Reputationszugewinne, die gebraucht werden, um irgendwann zu den Gewinner/innen des Wissenschaftssystems zu zählen. Vor dem Hintergrund der beschriebenen Konkurrenzverhältnisse und strukturellen Gegebenheiten ist es wohl nicht übertrieben, von einem Existenzkampf des wissenschaftlichen Nachwuchses um Reputation zu sprechen. Und da es sich bei den Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern um die mit Abstand größte Gruppe innerhalb unserer Fachgesellschaft handelt, hat dies eben Konsequenzen darauf, wie dort Wissen her- und dargestellt wird.

Zum einen führt die existenzielle Notwendigkeit außerordentlicher Reputationszugewinne durch die Publikation an einem bestimmten Ort, in einer bestimmten Form, nämlich Fachzeitschriften, zu einer partiellen Aufhebung der funktionalen Differenzierung der verschiedenen Publikationsformate: Anstatt etwa „Work in Progress“ oder thematisch verbundene Beiträge in Sammelbänden, empirische Ergebnisse in Fachzeitschriften und Überblicke, Systematisierungen sowie umfangreichere Theorie­arbeit in monografischer Form zu publizieren, wird mehr und mehr versucht, all dies möglichst in die Form von Journalartikeln zu überführen. Beobachten lässt sich dabei eine immer stärkere Diskrepanz zwischen der anhaltend hohen Relevanz wissenschaftlicher Monografien und einer sogar steigenden Relevanz von Sammelbänden für die Darstellung und Verbreitung von Wissen einerseits und der sinkenden Relevanz dieser Publikationsformate für die Verteilung von Reputation andererseits (siehe dazu Domahidi & Strippel, 2014).

Zum anderen führt die Überbetonung der Reputation, die eigentlich nur Instrument der Selbststeuerung von Wissenschaft ist, zu einem Ungleichgewicht gegenüber der gesellschaftlichen Funktion von Wissenschaft, nämlich der Generierung von Wissen (bzw. Wahrheit). Wenn das Publikationsinteresse mit dem Erkenntnisinteresse in Konkurrenz tritt, Reputation also strukturbildend für die Herstellung von Wissen wird, haben wir es mit einer dysfunktionalen Entwicklung zu tun (Luhmann, 1968; 1990; Esposito, 2005). Eine Konsequenz daraus ist etwa die schwächelnde Theoriearbeit in unserem Fach, der wir seit 2015 – natürlich mit einem Theoriepreis! – entgegenzuwirken versuchen – zugunsten empirischer, genauer: quantitativer – noch genauer: psychologischer Medienforschung.

Was also tun?

Bezüglich der strukturellen Bedingungen wissenschaftlichen Arbeitens und den damit verbundenen Problemen des finalen Reputationskampfes um Professuren – als so gut wie einzige Möglichkeit des Verbleibs in der Wissenschaft – liegen bereits gut ausgearbeitete Lösungskonzepte vor: etwa ein Positionspapier der Jungen Akademie, in dem eine Umwandlung von Qualifikationsstellen in Professuren vorgeschlagen wird, der Herrschinger Kodex und das Templiner Manifest der GEW oder die Idee einer Umstellung von Lehrstuhlsystem auf Departmentstruktur (Münch, 2013). Wichtig ist, zu erkennen, dass es sich bei den Arbeitsbedingungen nicht einfach um Rahmenbedingungen für das Publikationswesen handelt, sondern dass sie zentral dafür sind. Dies sollte in der folgenden Diskussion berücksichtigt werden.

Die aktuelle Entwicklung des Publikationswesens hingegen hat der kommunikationswissenschaftliche Nachwuchs im vergangenen September im Rahmen seiner letzten Vollversammlung auf dem DGPuK-Nachwuchstag in München diskutiert. Neben einer breiten Unterstützung und Begrüßung der aktuellen Bemühungen rund um Open Access, wurde sich für eine gesteigerte Wertschätzung der Vielfalt der Publikationsformate und eine stärkere Reflektion ihrer jeweiligen Stärken ausgesprochen. Insbesondere der Sammelband müsse wieder aufgewertet werden, sei es durch ein bewussteres inhaltliches Kuratieren thematischer Bände oder die Einführung von Qualitätssicherungsverfahren.

Aber: Auch wenn der wissenschaftliche Nachwuchs die beschriebene Fehlentwicklung durch seine Verteilungskämpfe um Reputation mit vorantreibt – weil es sich im Grunde auch um die einzige Gruppe handelt, die als Nicht- oder Noch-Nicht-Gewinner überhaupt darauf angewiesen ist – möchte ich betonen, dass diese Gruppe diese Entwicklung nicht aufzuhalten im Stande ist. Dazu noch einmal Bude: Es seien die wenigen Gewinner, schreibt er, die vorgeben, wie das Spiel gespielt wird und was dabei als Trumpf zählt. Den vielen Nicht-Gewinnern bliebe hingegen nichts anderes übrig, „als mitzuspielen und darauf zu hoffen, noch einen Stich zu machen“ (S. 53).

Quellenverzeichnis

Bude, H. (2014). Gesellschaft der Angst. Hamburg: Hamburger Edition.

Domahidi, E., & Strippel, C. (2014). Internationalisierung und Journalisierung der deutschen Kommunikationswissenschaft? Eine Analyse der Artikel und Zitationen aus 50 Jahren Publizistik und Medien & Kommunikationswissenschaft. Studies in Communication | Media 4(1), 64-100. (open access)

Esposito, E. (2005). Die Darstellung der Wahrheit und ihre Probleme. Soziale Systeme, 11(1), 166-175. doi: 10.1515/sosys-2005-0110

Frank, R. H., & Cook, P. J. (1995). The Winner-Take-All-Society. Why the Few at the Top Get So Much More Than the Rest of Us. New York: Penguin Books.

Luhmann, N. (1968). Selbststeuerung der Wissenschaft. Jahrbuch für Sozialwissenschaft, 19(2), 147-170.

Luhmann, N. (1990). Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Münch, R. (2013). Mehr Chancen für den wissenschaftlichen Nachwuchs! Forschung & Lehre, 20(12), S. 969.

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