Kreuzberger Narrativ

kotti

Seit einigen Wochen wird in vielen Medien verstärkt über meine Nachbarschaft berichtet. Das Kottbusser Tor in Kreuzberg, so der überwiegende Tenor, sei in den vergangenen Monaten zur No-Go-Area geworden, zu einem Ort zum Fürchten, einem Platz der Gesetzlosen und Verdammten. Ich wohne nun seit rund vier Jahren zwischen Kottbusser Tor und Görlitzer Park – dem anderen Kreuzberger Sorgenkind – und wundere mich gerade über die ganze Aufregung, da ich von der „Explosion der Kriminalität“ bisher nicht viel mitbekommen habe. Vor allem aber ärgert mich, wie eine direkte Verbindung zwischen dieser angeblichen Entwicklung und Geflüchteten gezogen wird.

Schaut man sich einige der vielen Beiträge, die zur derzeitigen Lage am Kottbusser Tor geschrieben und gesendet worden sind, einmal an, offenbart sich schnell das dominierende Narrativ der aktuellen Berichterstattung: Das Kottbusser Tor sei schon lange ein sozialer Brennpunkt mit Gewalt- und Drogenproblemen, im vergangenen Jahr aber habe sich die Situation schlagartig verschlechtert. Dann wird eine Polizeistatistik zitiert, derzufolge sich die Anzeigen wegen Diebstahls am „Kotti“ von 2014 bis 2015 mehr als verdoppelt hätten und auch die Zahlen der Raubdelikte, Körperverletzungen und Fälle von Drogenhandel angestiegen seien. Zurückgeführt werden könne dies – so der Narrativ weiter – vor allem auf dealende und/oder antanzende Nordafrikaner und Araber, die seit ein paar Monaten vermehrt am Kottbusser Tor ihr Unwesen treiben würden:

„Die Täter kommen aus 17 Ländern. Osteuropäer und deutsche Staatsbürger sind dabei. Ganz oben aber stehen Tunesier, Libyer, Marokkaner, Ägypter. Die Zahl arabischsprachiger Täter steigt rasant.“ (Tagesspiegel)

„Sie klauen, sie dealen, sie schlagen zu – die Kinder vom Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg. In der Mehrzahl handelt es sich um unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.“ (Frontal 21)

„Denn es heißt, am Kotti sei es gefährlich geworden in letzter Zeit, also nicht nur ein bisschen Einmal-im-Jahr-erster-Mai-und-hin-und-wieder-werden-ein-paar-Dealer-hopsgenommen-gefährlich, sondern eher so Nordafrikanische-Banden-übernehmen-den-Kiez-gefährlich.“ (Welt)

Es werden furchteinflößende Geschichten von gewaltsamen Übergriffen erzählt und O-Töne von besorgten Anwohnerinnen und Anwohnern eingeholt, die gerne als Ex-Hausbesetzerinnen, Ladenbesitzer mit türkischem Migrationshintergrund, Künstlerinnen oder Sozialarbeiter vorgestellt werden – vielleicht um dem Eindruck entgegenzuwirken, hier würden rassistische Ressentiments geschürt. Diese Leute sagen dann aber Dinge wie:

„Das sind ganz neue Akteure im Kiez, die plötzlich aufgetaucht sind. Da haben wir festgestellt, dieses kriminelle Milieu kommt aus Nordafrika. Wandernde kriminelle Massen.“ (mo:ma)

„Man kann es drehen und wenden, wie man will. Fest steht, es sind zuletzt bestimmte Flüchtlinge gekommen. Libyer, Marokkaner, Tunesier. Die sind krasser, als es der Kiez verkraftet. […] Es gab immer Gewalt. Aber ’ne Treibjagd auf Schwule, das ganze Angrabschen – das ist neu.“ (Tagesspiegel)

„Es hilft nichts, drum herumzureden: Viele Täter stammen aus Nordafrika und sind echt krass drauf.“ (Süddeutsche Zeitung)

Der Bezug zu der Diskussion um die Vorfällen an Silvester in Köln, die in Deutschland für einen Stimmungsumschwung in der Flüchtlingsfrage gesorgt hat, ist offensichtlich. Das Narrativ endet dann auch entsprechend mit der Feststellung, dass hier nur noch die Polizei etwas ausrichten könne, weil ja alles so neu und so krass sei, und die Politik deshalb schleunigst etwas unternehmen müsse, da ansonsten – so das bereits bekannte Drohszenario – die „Stimmung“ kippe und zur Selbstjustiz gegriffen werde.

Einmal davon abgesehen, dass die in den vielen Beiträgen beschriebene Entwicklung am Kottbusser Tor an mir vorbeigegangen zu sein scheint und ich mich dort nach wie vor sicher fühle, stören mich an diesem Narrativ zwei Dinge:

Zum einen halte ich den starken Fokus, der in den Artikeln auf Straftaten von Personen aus Nordafrika und dem arabischen Raum gelegt wird, für unangemessen. Ein näherer Blick in die so viel zitierte Polizeistatistik zeigt: Zusammengenommen sind Personen mit libyscher, tunesischer, ägyptischer, marokkanischer, syrischer und algerischer Staatsangehörigkeit für 256 der 1.959 Straftaten am Kottbusser Tor im Jahr 2015 (also 13%) verantwortlich, während über die Hälfte der Straftaten (nämlich 1.023) von Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit verübt wurden. Um es mit den Worten eines Anwohners zu sagen: „Es hilft nichts, drum herumzureden: Viele Täter stammen aus Deutschland und sind echt krass drauf.“ Auch wenn die Zahlen der Straftaten von Personen mit nordafrikanischem und arabischem Migrationshintergrund stark ansteigen, so tun sie das doch immer noch auf einem vergleichsweise niedrigen Niveau. Eine solche Einordnung und Relativierung fehlt in den meisten Artikeln allerdings.

Zum anderen fehlt mir eine Problematisierung der zentralen Ursache für den tatsächlich schon immer sehr ausgeprägten Drogenhandel in Kreuzberg: der Drogenkonsum. Dass es in der Gegend zwischen Kottbusser Tor und Warschauer Straße so viele Drogen zu kaufen gibt, ist vor allem darauf zurückzuführen, dass hier so viele Drogen gekauft und konsumiert werden, um sich damit dann ins Berliner Nachtleben zu stürzten. Und nicht umgekehrt! Die gruselige Erzählung von dem Drogen vertickenden Afrikaner ist deshalb, so lange nicht gleichzeitig die Geschichte von dem Drogen kaufenden Deutschen, Spanier, Engländer, Amerikaner etc. erzählt wird, bigott und rassistisch.

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