Das trojanische Journal

scm

Am vergangenen Dienstag gab es für mich gleich zwei gute Nachrichten: Zum einen ist die Fachzeitschrift Studies in Communication | Media (SCM) an diesem Tag erstmalig als Open-Access-Journal erschienen – was aus meiner Sicht ein wichtiger Schritt für die Publikationskultur in unserem Fach ist; und zum anderen findet sich unter den Artikeln in dieser Ausgabe nun endlich auch der von mir und Emese Domahidi geschriebene Text zur ›Internationalisierung und Journalisierung der deutschen Kommunikationswissenschaft‹. Zu beiden Punkten möchte ich hier im Blog etwas schreiben, allerdings in getrennten Beiträgen. Beginnen möchte ich dabei mit der SCM – als quasi trojanisches Journal der Open-Access-Bewegung in unserem Fach.

Um die besondere Rolle dieser Fachzeitschrift für den Wandel des Publikationswesens in der deutschsprachigen Kommunikationswissenschaft besser einschätzen zu können, müssen wir einen Blick zurück ins Jahr 2007 werfen: In diesem Jahr band sie die Deutsche Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (DGPuK) im Rahmen ihrer damaligen Jahrestagung in Bamberg per Beschluss für ein verpflichtendes Abonnement der beiden Zeitschriften Publizistik und Medien & Kommunikationswissenschaft sehr eng an deren Verlage Nomos und Springer (damals VS Verlag). Diese hatten zuvor erklärt, dass sie die zwei für die deutsche Kommunikationswissenschaft zentralen Zeitschriften ohne finanzielle Unterstützung aus der Fachgesellschaft nicht mehr lange werden tragen können. Und so entschieden sich die Mitglieder der DGPuK nach langer und intensiver Diskussion für die Subventionierung beider Journals durch eine Erhöhung ihres jährlichen Mitgliederbeitrags um 90 Prozent von 60 auf 114 Euro. Die Alternative, anstatt dieser Subventionierung ein zum Beispiel von eben diesem Geld getragenes Open-Access-Journal einzurichten, wurde abgelehnt. Für die Open-Access-Bewegung in unserem Fach war das ein herber Rückschlag (siehe dazu unter anderem die Blogposts von Steffen Büffel, Jan Schmidt, Peter Schumacher und Thomas Pleil).

Seitdem hat es die Open-Access-Idee in unserem Fach nicht leicht. Zwar gab es einige gute Initiativen wie die Zeitschrift für Medienwissenschaft und rezensionen:kommunikation:medien (beide 2009), das Global Media Journal German (2011), kommunikation.medien (2012) und die Buchreihe NEU – Nachhaltigkeits-, Energie- und Umweltkommunikation (2013), doch eine feste Verankerung der Idee des unbeschränkten Zugangs zu wissenschaftlichen Publikationen im Kern der Fachgesellschaft gelang bisher nicht. Auf der Jahrestagung der DGPuK 2010 in Ilmenau wurde das Pflichtabo-Modell schließlich sogar um fünf Jahre bis Ende 2016 verlängert. Dass es dabei nicht wieder zu einer Diskussion um innovativere Konzepte kam, lag vermutlich auch daran, dass kurz vor der Abstimmung über diese Abo-Verlängerung das Online-Journal SCM vorgestellt und für 2011 die erste Ausgabe angekündigt wurde.

Eine wirkliche Innovation war SCM zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht. Im Gegenteil: Die Zeitschrift schien die bisherige Struktur des Publikationswesens zu reproduzieren. Es handelte sich um eine vorrangig deutschsprachige, von Nomos verlegte Fachzeitschrift, dessen Inhalte sowohl online als auch (wie das Bild zu diesem Beitrag zeigt) in gedruckter Form kostenpflichtig bezogen werden konnten. Und damit setzte sich SCM in keinster Weise von den beiden anderen Journals ab, denn auch deren Inhalte konnten schon lange auch online bezogen werden. Zwar bot SCM neue Beitragsformate und auch die Möglichkeit zur englischen Publikation an, doch reichte das nicht, um gegen die starke Konkurrenz zu bestehen. Das neue Online-Journal war in dieser Form eigentlich überflüssig.

Ob genau das im Kalkül von Nomos lag, kann ich nicht sagen. Die vier Herausgeber/innen der Zeitschrift wollten das aber offenbar vermeiden – und die Transformation in ein Open-Access-Journal war das einzige, was ihnen zur Rettung der Zeitschrift noch übrig blieb. Dass Nomos keinesfalls einfach so auf die einzigen Einnahmen verzichtet, die SCM durch seinen Verkauf einbringt, war klar; und ebenso abwegig schien auch, dass die Mitglieder der DGPuK bereit sind, noch ein weiteres Journal vollständig zu subventionieren (tatsächlich wird SCM seitens der DGPuK jedes Jahr mit bis zu 7.000 Euro unterstützt). Deshalb wurden Sachmittel bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) beantragt, um aus SCM ein Open-Access-Journal zu machen. Im Mai diesen Jahres wurde dieser Antrag bewilligt. Herausgeber Wolfgang Schweiger schreibt im Editorial der jüngsten SCM-Ausgabe dazu:

»Mit Hilfe der DFG-Förderung können wir SCM für drei Jahre als Open Accesss-Journal finanzieren, ohne der DGPuK oder Nomos Mehrkosten zu verursachen. Damit hat die DGPuK drei Jahre Zeit, ihre Unterstützung der drei Fachzeitschriften in einem angemessenen Diskussions- und Entscheidungsprozess neu zu regeln.« (S. 5)

An dieser Stelle wird SCM nun zum trojanischen Journal. Über den Umweg der eigentlich überflüssigen Online-Zeitschrift, die das alte Publikationswesen zu reproduzieren und damit zu stabilisieren schien, wurde durch das Engagement der Herausgeber/innen, die Finanzierung der DFG, die Unterstützung der DGPuK und die Beteiligung des Nomos Verlags ein kommunikationswissenschaftliches Open-Access-Journal in der Mitte der Fachgesellschaft installiert, das mit den beiden Platzhirschen Publizistik und Medien & Kommunikationswissenschaft gut vergleichbar ist. Diese Konstellation wird, davon bin ich überzeugt, weitreichende Folgen für das Publikationswesen in unserem Fach haben. So schrieb zum Beispiel der ehemalige DGPuK-Vorsitzende Klaus-Dieter Altmeppen im letzten Vorstandsbericht vom 2. April 2014:

»Angesichts der Veränderungen im Feld der Publikationen können die derzeit gültigen Verträge gewiss nicht einfach verlängert werden. […] Auf der Mitgliederversammlung 2015 wird über die weiteren Verträge und ihre Inhalte abgestimmt werden. Mit den drei wissenschaftlichen Zeitschriften verfügt das Fach über ein vorzeigbares Paket, das die Tradition von Publikationen ebenso umfasst wie die modernen Anforderungen. Diese lassen sich unter anderem unter dem Stichwort open access zusammenfassen.« (S. 4)

Aus meiner Sicht bedeutet dies, dass aus den beiden anderen Fachzeitschriften über kurz oder lang ebenfalls Open-Access-Publikationen hervorgehen werden. Denn Dank der DFG-Finanzierung wissen die Mitglieder der DGPuK nun, wie hoch die jährlichen Kosten für ein Open-Access-Journal ungefähr ausfallen: Rechnet man die von der DFG für drei Jahre bewilligten 42.000 Euro auf ein Jahr hinunter und addiert die jährliche Unterstützung der DGPuK von 7.000 Euro hinzu, liegen die jährlichen Kosten für SCM bei 21.000 Euro. Finanziert werden davon laut DGPuK-Vorstand eine Redaktionsstelle, Website und Datenbanken, Suchmaschinenoptimierung, die Archivierung und ein Review-System mit Einreichungs-Backend. Für die beiden ›Verbandsabos‹ von Publizistik und Medien & Kommunikationswissenschaft bezahlt die DGPuK hingegen jährlich zusammen 42.500 Euro. Es stellt sich also die Frage: Wenn ein Open-Access-Journal im Jahr 21.000 Euro kostet, warum sollten sich die Mitglieder der DGPuK dann für das gleiche Geld Fachzeitschriften leisten, die zugangsbeschränkt und für die Bibliotheken ihrer Universitäten auch noch kostenpflichtig sind?

Eine Antwort auf diese Frage könnte lauten: Weil Nomos und Springer/VS sonst keinen finanziellen Anreiz mehr hätten, diese beiden Fachzeitschriften weiterhin zu verlegen. Die Folgefrage darauf wäre: Welche Leistungen erbringen diese Verlage, dass es sich lohnt, die finanziellen Anreize weiterhin aufrecht zu erhalten? Welche dieser Leistungen möchte man für wie viel Geld in Anspruch nehmen? Und könnte man sie nicht auch günstiger von anderer Stelle bekommen? Mit diesen Fragen wird sich die DGPuK auf ihrer kommenden Jahrestagung in Darmstadt auseinandersetzen müssen. Ich bin gespannt wie es weitergeht.

Nachtrag (26.2.2015): Die DFG hat zu Beginn dieses Jahres ihr Förderprogramm »Wissenschaftliche Zeitschriften« in das Programm »Infrastruktur für elektronische Publikationen und digitale Wissenschaftskommunikation« überführt. Sie fördert damit auch weiterhin die Transformation wissenschaftlicher Fachzeitschriften ins Open-Access-Format. Aus meiner Sicht ist dies ein sehr guter Anlass, um auf die aktuelle Situation in unserem Fach zu reagieren.

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