Ordnung durch Störung

Bildschirmfoto 2014-10-27 um 20.02.47

Ende Juni veranstaltete die VolkswagenStiftung in Hannover einen Workshop mit dem recht interessanten Titel »Image statt Inhalt? – Warum wir eine bessere Wissenschaftskommunikation brauchen«. Eröffnet wurde diese Veranstaltung mit einem Impulsreferat der beiden Kollegen Frank Marcinkowski und Matthias Kohring, die ihre Zuhörerschaft mit der These konfrontierten, öffentliche Wissenschaftskommunikation sei ein »Einfallstor für außenwissenschaftliche Motive und Dynamiken« und deshalb unter bestimmten Umständen geradezu »wissenschaftsschädlich«. Ich halte diesen Vortrag für sehr bemerkenswert und möchte die teilweise recht hitzige Diskussion zu seiner Kernthese gerne um einige Anmerkungen erweitern.

Dabei unterstütze ich zunächst einmal die Position des Vortrags: Das Infragestellen der sich schon im Workshop-Titel abzeichnenden Selbstverständlichkeit öffentlicher Wissenschaftskommunikation halte ich für durchaus angebracht; die Überzeugung, mediale Aufmerksamkeit sei »das falsche Kriterium für die Qualität wissenschaftlicher Erkenntnis«, teile ich auch; die Diagnose einer in der Wissenschaft stark ausgeprägten Wettbewerbslogik mit dysfunktionalen Konsequenzen deckt sich ebenfalls mit meiner Beobachtung; und die analytische Herleitung der zugrundeliegenden Mechanismen ist, wenn auch nicht neu, so zumindest gut und nachvollziehbar zusammengefasst. Dennoch komme ich zu einer anderen, weniger pessimistischen Einschätzung als Marcinkowski und Kohring, wobei der Vortrag der beiden selbst mein Hauptargument ist.

Doch von vorne: Wenn Marcinkowski und Kohring in ihrem Vortrag von öffentlicher Wissenschaftskommunikation sprechen, dann meinen sie damit die »Kommunikation aus der Wissenschaft in die Öffentlichkeit«. Die Grenze, die sie dabei aus einer systemtheoretischen Perspektive heraus zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit ziehen, ist dabei keine personelle oder räumliche, sondern eine kommunikative. Etwas vereinfacht gesagt, bedeutet das: Die beiden unterscheiden Wissenschaft und Öffentlichkeit anhand der Ziele und Prinzipien ihrer Kommunikation(en) und anhand der Kriterien ihrer Entscheidungen (die ja ebenfalls Kommunikationen sind). Während das Kommunizieren und Entscheiden in der Wissenschaft darauf abzielt, mit bestimmten Methoden Wissen zu generieren, widmet sich die öffentliche Kommunikation (zum Beispiel im Journalismus) der allgemeinen Zugänglichmachung gesellschaftlich relevanter Informationen.

System und Umwelt

Die durch die kommunikative Grenze unterschiedenen Bereiche Wissenschaft und Öffentlichkeit werden in der Systemtheorie nun Systeme genannt. Ein System wird dabei von allem unterschieden, was nicht zu ihm gehört; also von allem, was nicht seinen kommunikativen Gesetzen, seiner System- oder Kommunikationslogik unterliegt. Damit unterscheidet sich Wissenschaft kommunikativ nicht nur von der Öffentlichkeit, sondern auch vom Recht, von der Religion, von der Wirtschaft und so weiter. Überall wird anders kommuniziert, überall wird quasi ›eine andere Sprache gesprochen‹. Und all die Kommunikation, die nicht darauf abzielt, mit bestimmten Methoden Wissen zu generieren, gehört nicht zum System Wissenschaft, sondern zu dessen Umwelt. Wobei umgekehrt die Wissenschaft natürlich auch Umwelt für jeweils alle anderen Systeme ist. System und Umwelt sind in der Systemtheorie also zwei Seiten einer Medaille: Denn ein System lässt sich ohne die Abgrenzung zu seiner Umwelt nicht erkennen, nicht beobachten, nicht beschreiben. Deshalb müsste die Systemtheorie eigentlich auch System/Umwelt-Theorie genannt werden.

Für Marcinkowski und Kohring sind Wissenschaft und Öffentlichkeit also zwei Systeme, die füreinander Umwelt sind, weil sie anders kommunizieren und sich dementsprechend auch nicht verstehen. Warum soll nun aber öffentliche Wissenschaftskommunikation, also die Kommunikation aus der Wissenschaft in die Öffentlichkeit, schädlich für die Wissenschaft sein? Die beiden antworten darauf erst einmal mit einer Gegenfrage: Wozu gibt es überhaupt öffentliche Wissenschaftskommunikation? Denn wenn Wissenschaft und Öffentlichkeit doch so grundsätzlich verschieden kommunizieren, verstehen sie sich doch gar nicht. Wie kann es dann sein, dass so etwas wie öffentliche Wissenschaftskommunikation überhaupt gefordert und praktiziert wird? Im Grunde ist das doch reine Ressourcenverschwendung.

Eine Antwort auf diese Gegenfrage liefern Marcinkowski und Kohring gleich mit. Etwas verkürzt dargestellt, meinen sie: Öffentliche Wissenschaftskommunikation werde gebraucht, weil sie ein Problem löse; und zwar ein Problem der Politik, die vor ihren Wählerinnen und Wählern begründen müsste, warum sie bestimmten Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen staatliche Gelder gibt. Denn Wissenschaft muss ja finanziert werden; und wenn das durch den Staat passiert, prallen drei System- bzw. Kommunikationslogiken aufeinander: Die Sprache der Wissenschaft, die der Wirtschaft und die der Politik. Das führt dann zu einem großen kommunikativen Durcheinander, denn die eine zielt ja auf Wissen ab, die zweite auf Rentabilität und die dritte auf Legitimität. Gelöst wird dieses kommunikative Problem derzeit so, dass die Wissenschaft ihre Finanzierung wettbewerbsorientiert strukturiert (was sich dann in Rankings und Impact Faktoren etc. niederschlägt) und die Ergebnisse ihrer Wissensproduktion durch öffentliche Wissenschaftskommunikation politisch legitimiert. Damit – so Marcinkowski und Kohring – richte sich die Wissenschaft aber nach fremden Logiken, die ihrem eigentlichen Zweck, ihrer gesellschaftlichen Funktion, Wissen zu generieren, zuwiderlaufen. Deshalb sind sie der Ansicht, dass die Forderung nach öffentlicher Wissenschaftskommunikation wissenschaftsschädlich sei (oder zumindest sein könne), da von der Wissenschaft verlangt werde, damit die Probleme anderer Systeme zu lösen.

Die Handhabung einer Differenz

Ich finde diese Sorge um die Autonomie der Wissenschaft gut begründet und nachvollziehbar. Allerdings behaupte ich nun, dass sich weder wirtschaftlicher Gewinn noch öffentliche Aufmerksamkeit jemals zu dominanten Kriterien für wissenschaftliche Kommunikation und die Generierung von Wissen auswachsen werden – so wie dies Macinkowski und Kohring gegen Ende ihres Vortrags befürchten. Denn trotz der oben beschriebenen Probleme, die der Zusammenprall von politischer, ökonomischer und wissenschaftlicher Logik für die Wissenschaft zur Zeit mit sich bringt: Die Wissenschaft hat keineswegs begonnen, eine andere Systemsprache zu sprechen. Sie ist vielmehr irritiert von den wirtschaftlichen und politischen Zwängen, die da aus der Umwelt auf sie eintreffen – und stellt sich anhand der eigenen System- und Kommunikationslogik darauf ein. Sie ordnet sich neu. System/Umwelt-theoretisch formuliert, würde man sagen, dass sich das System der Wissenschaft gerade »im Medium seiner Unterbrechung reproduziert« (Baecker, 2002, S. 49). So wie jedes System definiert sich und operiert die Wissenschaft in Differenz zu seiner Umwelt – und zwar immer und immer wieder auf’s Neue. Heinz von Förster hat dieses Prinzip einmal »Ordnung durch Störung« genannt. Ich meine, genau dieses Phänomen lässt sich im System Wissenschaft gerade beobachten.

Das heißt nicht, dass die von Marcinkowski und Kohring beschriebenen Probleme nicht kritisch zu sehen sind. Ganz im Gegenteil: Gerade in solch einer kritischen Beobachtung und Beschreibung der Irritationen und Störungen aus der Umwelt liegt bereits die Lösung für das beobachtete und beschriebene Problem; denn durch sie erfolgt der systemstabilisierende Abgleich von System- und Umweltreferenz. Die Intelligenz eines Systems, schreibt der bereits zitierte Soziologe Dirk Baecker (2002), liegt »nicht im System, sondern in einer bestimmten Handhabung der Differenz zwischen System und Umwelt durch das System« (S. 47). Und bei dieser Handhabung kann öffentliche Wissenschaftskommunikation durchaus hilfreich sein – das beweisen Marcinkowski und Kohring selbst. Denn bei ihrem Impulsreferat handelt es sich ja schließlich ebenfalls um öffentliche Wissenschaftskommunikation, um Kommunikation aus der Wissenschaft in die Öffentlichkeit; also um Kommunikation, mit der Wissenschaft die Öffentlichkeit irritiert, zurück stört und Ordnung schafft.

Literatur

Baecker, D. (2002). Über Verteilung und Funktion der Intelligenz im System. In Wozu Systeme? Berlin: Kadmos, 41-66.

Disclosure: Ich schätze Frank Marcinkowski und Matthias Kohring sehr. Bei beiden habe ich in meinem Studium in Münster unter anderem sehr viel über die System- bzw. die System/Umwelt-Theorie gelernt. Mit Frank Marcinkowski verbindet mich darüber hinaus ein gemeinsames Forschungsprojekt, das ich hier bereits an anderer Stelle vorgestellt habe.

Disclosure 2: Ich war im Juni leider nicht vor Ort in Hannover und habe den Vortrag von Marcinkowski und Kohring deshalb auch nicht hören können. Dieser Beitrag bezieht sich deshalb alleine auf das im Nachgang des Workshops veröffentlichte Manuskript

Disclosure 3: Bei diesem Blogeintrag handelt es sich ebenfalls um öffentliche Wissenschaftskommunikation. In einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift wäre dieser Text ein anderer geworden. 

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Ein Gedanke zu „Ordnung durch Störung

  1. kusanowsky

    „Bei diesem Blogeintrag handelt es sich ebenfalls um öffentliche Wissenschaftskommunikation. In einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift wäre dieser Text ein anderer geworden. “

    Was wäre, wenn auf Wege dieser Blogkommunikation niemand die Wissenschaftlichkeit dieser Aussage bestreitet?

    Antwort

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