Gelesen: Einführung in die genetische Erkenntnistheorie

piaget

Piaget, Jean (1973): Einführung in die genetische Erkenntnistheorie. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Über die Soziopod-Ausgabe zum Konstruktivismus bin ich auf das Buch »Einführung in die genetische Erkenntnistheorie« des Entwicklungspsychologen Jean Piaget gestoßen. Vorgestellt wird dort eine epistemologische Tradition, die nicht wie andere Erkenntnistheorien primär nach den Bedingungen von Erkenntnis fragt, sondern nach ihrer Herkunft, ihrer »Natur« und ihrer ontogenetischen Entwicklung (also ihrer Genese). In vier als ›Vorlesungen‹ titulierten Kapiteln wirbt Piaget nahezu programmatisch für diese Theorie. Dabei erschwert der etwas unstrukturierte Text leider das Nachvollziehen seiner interessanten Überlegungen. 

Den Ausgangspunkt der knapp 100-seitigen Einführung bildet mehr oder weniger Piagets offen vorgetragener Ärger über die psychologische Ahnungslosigkeit seiner Kolleginnen und Kollegen: »Jedermann glaubt, er sein ein Psychologe«, schreibt er. »Das hat die Folge, daß ein Erkenntnistheoretiker sich nicht in der psychologischen Forschung kundig macht oder einen Psychologen zu Rate zieht, wenn er einen psychologischen Aspekt zu klären hat« (S. 15). Das sei insofern ärgerlich, als dass eine Theorie des Erkennens seiner Ansicht nach empirisch, und zwar in erster Linie biologisch und entwicklungspsychologisch fundiert sein müsse. Dies sei vor allem dann wichtig, wenn wie im Falle seiner genetischen Erkenntnistheorie danach gefragt werde, wie Erkenntnis überhaupt entsteht und worauf sie beruht (S. 14-17).

In dieser Frage grenzt er sich zunächst von dem logischen Positivismus ab, demzufolge die unserem Erkennen zugrunde liegende Rationalität (Logik und Mathemathik) auf sprachlichen Strukturen beruhe. Da man sowohl bei Kleinkindern, die noch nicht sprechen können, als auch bei Taubstummen logisch strukturiertes Verhalten beobachten könne, so argumentiert Piaget, sei diese Position nicht haltbar (S. 51-56). Stattdessen vertritt er die von Noam Chomsky formulierte, entgegengesetzte These, die Sprache beruhe umgekehrt auf den logischen Strukturen unserer Vernunft. Allerdings lehnt er Chomsky’s These, diese logischen Strukturen seien angeboren, ab (S. 56-57). Sein Gegenargument zur Kongenitalität logischer Strukturen ist dabei ein konstruktivistisches: Denken und Erkennen seien in erster Linie subjektive und operative Transformationsprozesse zur »Assimilation« (Anpassung) von Realität an unsere Transformationssysteme – also eine Art Fähigkeit, die wie alle anderen ›erlernt‹ werden müsste (S. 21-23). Damit sei weder die Rationalität unserer logisch-mathematischen Strukturen, noch die Rationalität unserer Erkenntnis von Natur aus gegeben; vielmehr würden sich beide im Laufe der kindlichen Ontogenese parallel zueinander entwickeln (S. 20-21; 57-60).

Um diese These einer parallelen Entwicklung von logischer Rationalität und der operativen Natur des Denkens und Erkennens zu begründen, zeigt Piaget im zweiten Kapitel zunächst, inwiefern überhaupt eine Paralleität zwischen beiden besteht. Dazu referiert er auf die Arbeit der so genannten Bourbaki-Gruppe, die sich in den 1930er Jahren zum Ziel gesetzt hatte, diejenigen Strukturen zu identifizieren, die allen Zweigen der Mathematik zugrunde liegen. Indem er sie einzeln durchdekliniert, versucht Piaget zu beweisen, dass es zwischen den drei von dieser Gruppe gefundenen mathematischen »Mutterstrukturen« (algebraische Struktur, Ordnungsstruktur und topologische Struktur) und den drei von ihm identifizierten Strukturen kindlichen Denkens (Klassifikation, Reihenbildung und Raumaufteilung) »eine sehr direkte Beziehung gibt« (S. 35); mehr noch, »dass die drei mathematischen Mutterstrukturen in der Entwicklung des kindlichen Denkens natürliche Wurzeln besitzen« (S. 42).

Demzufolge beruht unsere Sprache also auf logisch-mathematischen Strukturen, die wiederum auf den Strukturen kindlichen Denkens und Erkennens basieren und sich im Kindesalter parallel zu ihnen herausbilden und entwickeln. Auf welcher Grundlage aber vollzieht sich diese Entwicklung? Auf diese Frage geht Piaget im dritten Kapitel ein. Seine zentrale These ist dabei, dass sich die Rationalität des Denkens und Erkennens aus einer senso-motorischen, praktischen Intelligenz heraus entwickelt: Durch die ständige Wiederholung, Generalisierung und allgemeine Koordinierung (Planung) bestimmter senso-motorischer Aktionen und Handlungen (z.B. ziehen, drücken, bewegen etc.) würde sich eine »Logik der Aktionen« (S. 51) herausbilden, die dann den Ausgangspunkt für die Entwicklung logisch-mathematischer Strukturen darstelle (S. 50-52). Dieser Prozess dauere mehrere Jahre an und führe zwischenzeitlich – im Alter zwischen 4,5 und 6 Jahren – zu einer Art »Semi-Logik« (S. 60), in der sich die Kinder »eher einer Logik der Funktionen bedienen als einer der vollständigen operationellen Logik« (S. 62).

Da Zeit eine zentrale Rolle in der genetischen Erkenntnistheorie spielt, schließt Piaget seine Einführung in der vierten Vorlesung mit einem eigenen Kapitel zu diesem Thema. Ausgehend von der Feststellung, dass wir die Dauer einer Zeit »nicht auf einmal erfassen« können (»Sobald wir am Ende einer Dauer sind, läßt sich ihr Anfang nicht mehr wahrnehmen.«, S. 71), fasst er sie als »intellektuelle Konstruktion« auf, als »eine Beziehung zwischen einer Aktion – etwas, was getan wird – und der Geschwindigkeit, mit der es getan wird« (S. 80). Dies habe zur Folge, dass unsere Erkenntnis von Zeit bzw. unser »subjektiver Eindruck« von Zeit auch von eben diesen beiden Parametern – den ausgeführten Aktionen und der Geschwindigkeit ihrer Ausführung – abhängt (S. 84); und schließlich dass auch die Struktur unserer Konstruktion von Zeit nicht von Natur an vorgegeben ist, sondern sich ebenso wie die Struktur unserer Erkenntnis, unserer Logik und unserer Sprache entwickelt.

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