Gelesen: Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners

foerster

Bei »Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners« handelt es sich um einen ganz außergewöhnlichen Interviewband, in dem der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen den Physiker Heinz von Foerster zu dessen erkenntnistheoretischen Position, seinem Lebenswerk und seiner Biografie befragt. Außergewöhnlich ist dabei nicht nur, was Foerster zu erzählen hat und wie er das auf seine unnachahmliche Art und Weise tut, sondern auch, wie Pörksen ihm genau das mit seinen präzise gut gestellten Fragen abverlangt. Die Rezension auf dem Buchrücken meint: »Dieses Buch ist so voller Erkenntnis, voller Schwung des Sprechens und auch voller Weisheit, daß man es am liebsten wie ein Flugblatt in der Stadt verteilen möchte.« Genau so!

Das Buch beginnt mit einem Vorwort, in dem Foerster seine Leserinnen und Leser mit einer kurzen Skizze der gegenseitigen Bedingung von Teil und Gegenteil, von Wahrheit und Lüge, und seiner offenkundigen Faszination für die Magie dessen, »was da vor sich geht« (S. 12), gleich in den Entdeckergeist der folgenden Gespräche bannt. Danach teilen sich diese Gespräche auf die fünf Kapitel »Bilder des Wirklichen«, »Perspektiven der Praxis«, »Kybernetik«, »Biographische Exkurse« und »Erkenntnis und Ethik« auf, von denen insbesondere der erste und der dritte Teil jede Menge neue Perspektiven bereit halten.

Das Kapitel »Bilder des Wirklichen« ist dabei eine Art konstruktivistische Grundlage dieser neuen Perspektiven. Ausgehend von dem Prinzip der spezifischen Nervenenergie des Physiologen Johannes Müller behauptet Foerster: »Was sie erregt, können wir nie wissen; wir wissen nur, was unsere Sinne aus diesen Erregungen vorzaubern.« (S. 15) Deshalb gründet er seine Vorstellungen vom Erkennen der Welt auf eine Prozessologie des Errechnens und Korrelierens von Welt: »Ich behaupte: Das, was wir einen Gegenstand – zum Beispiel einen Würfel – nennen, ist im Grunde genommen eine Kompetenz unseres Nervensystems, die es möglich macht, Invarianten zu errechnen.« (S. 20) Die Erkenntnis der Welt könne also nicht unabhängig von ihrer Beobachtung gedacht werden, vor allem die gängige Vorstellung von Wahrheit sei nicht nur haltlos, sondern auch gefährlich: »Wer von Wahrheit spricht, macht den anderen direkt oder indirekt zu einem Lügner. Diese beiden Begriffe gehören zu einer Kategorie des Denkens, aus der ich gerne heraustreten würde. Meine Auffassung ist in der Tat, daß die Rede von der Wahrheit katastrophale Folgen hat und die Einheit der Menschheit zerstört. Der Begriff bedeutet Krieg.« (S. 29-30) Im Funktionieren einer Hypothese sehe er stattdessen nicht mehr als einen Beleg für eben dieses Funktionieren (S. 31), in kausalen Erklärungen nicht mehr als semantische Phänomene (S. 47) und in Naturgesetzen nicht mehr als Erfindungen ihrer Autoren (ebd.). Schon gar nicht sei das Soziale, die Interaktion zwischen »nichttrivialen Maschinen« (Menschen), berechen- oder vorhersehbar (S. 54-63). Als Alternative für die Vorstellung von linearer Kausalität plädiert er deshalb für Parabeln, Gleichnisse, Analogien und Geschichten als Erklärungsprinzipien, die offen sind für Überraschungen und Wunder (S. 53-54). Seine Erkenntnistheorie, so sagt er, sei vielmehr eine »Neugierologie« (S. 43).

Im zweiten Kapitel »Perspektiven der Praxis« wird diese Sichtweise auf die Bereiche Pädagogik, Psychotherapie, Management und Kommunikation angewandt: Foerster meint, wie alle institutionalisierten Erziehungsbemühungen habe auch die Schule zum Ziel, »unsere Kinder zu trivialisieren« (S. 65), sie über die Vermittlung vermeintlichen Wissens und dessen Wiederholung durch Tests berechenbar zu machen. Stattdessen müsste sich die Schule das eigene Nicht-Wissen eingestehen und gemeinsam mit den Schülern forschen (S. 71-73). Die Psychotherapie hingegen habe ebenfalls ein Problem, wenn sie die Wirklichkeiten ihrer Patienten als »realitätsferne Halluzinationen« behandelt. So bekäme sie keinen Zugang zu diesen Wirklichkeiten und könnte nicht helfen (S. 81-83). Im Management plädiert Foerster für eine heterarchische Selbstorganisation eines Unternehmens (S. 83-97); und für den weiten Bereich der Kommunikation schlägt er vor, sich an zwei Merksätzen zu orientieren, die vielen Missverständnissen vorbeugen kann: »Die Welt enthält keine Information« (S. 98) und »Der Hörer, nicht der Sprecher, bestimmt die Bedeutung einer Aussage.« (S. 100)

Das dritte Kapitel liest sich wie eine Einführung in die Kybernetik. Das zentrale Prinzip sei dabei die Zirkularität bzw. die zirkuläre Kausalität, in der eine Ursache eine Wirkung hat, die wiederum zur Ursache mit Wirkung wird usw. Als Beispiel nennt Foerster das Steuern eines Bootes: Um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, korrigiert der Steuermann ständig den Kurs, wobei der neue Kurs als Ergebnis (Wirkung) der vormaligen Kurskorrektur zum Anlass (Ursache) für die nächste Kurskorrektur genommen wird (S. 107). Die Ausrichtung am Ziel mache aus der Kybernetik eine teleologisch interessierte Wissenschaft (S. 108), die auch für die Beschreibung sozialen Verhaltens fruchtbar gemacht werden könne. Dazu sei allerdings eine Kybernetik der Kybernetik, eine Kybernetik zweiter Ordnung also, notwendig, die die Beobachterabhängigkeit des Erkennens in die zirkuläre Kausalität einführt (S. 114-118). Durch die daraus entstehende Selbstbezüglichkeit der Beschreibungen käme es zu logischen Paradoxien, die aufgrund der dynamischen Konzeption der Kybernetik jedoch ausgehalten werden könnten: »Die Akzeptanz des Paradoxons, für die ich plädiere, führt die Dynamik der Zustände wieder ein. Man redet nicht mehr vom Sein eines Zustandes, sondern vom Werden, integriert die zeitliche Dimension.« (S. 120) Für eine logische Formalisierung dieser zwischen Widersprüchen oszillierenden Dynamik verweist er auf die mehrwertige Logik von Gotthard Günther, die Autologik von Lars Löfgren und das Formkalkül von George Spencer Brown.

Im vierten Kapitel »Biographische Erkurse« kann man dann erfahren, dass der Urgroßvater von Foerster die Wiener Ringstraße und den Gürtel entworfen hat; dass seine Urgroßmutter Marie Lang als eine der ersten Frauenrechtlerinnen in Europa die Zeitschrift »Dokumente der Frauen« herausbrachte; wie es dazu kam, dass der kleine Heinz den großen Ludwig Wittgenstein zum Nennonkel erkoren hatte; wie er in seiner Jugend zusammen mit seinem Cousin regelmäßig als Zauberer aufgetreten ist; dass er während der NS-Zeit in Berlin wohnte (»Wir liebten Berlin und die Berliner, ihre Frechheit und ihren Witz und Ironie, die ihnen eine gewisse Distanz gegenüber dem diktatorischen Regime und dem ganzen Zirkus eines Adolf Hitler gestattete.«, S. 134); dass er Anfang der 1940er Jahre über Schlesien nach Tirol flüchtete und dort von den Amerikanern für zwei Wochen zum Bürgermeister eines kleinen Ortes ernannt wurde; dass er zurück in Wien als Journalist arbeitete; wie er 1949 auf der Queen Mary nach Amerika reiste, dort Warren McCulloch traf, der ihn mit auf die Macy-Tagungen nahm; wie er 1957 in Illinois das Biologische Computer-Laboratrium gründete und nach dessen Schließung 1976 ins kalifornische Pescadero, auf den Rattlesnake Hill zog.

Geschlossen wird das Buch dann mit dem Kapitel »Erkenntnis und Ethik«, in dem Foerster das Postulat der Popper’schen Erkenntnistheorie auf sich selbst anwendet und meint, man solle versuchen, auch seine Erkenntnistheorie immer wieder auf’s Neue zu falsifizieren (S. 153). Dazu gehöre für ihn die konsequente Ablehnung jeglicher Vorstellung von Objektivität (die wie eine »epistemologische Schweiz«, wie sie Pörksen nannte, daherkomme): »Objektivität ist die Wahnvorstellung, Beobachtungen könnten ohne Beobachter gemacht werden. Die Berufung auf Objektivität ist die Verweigerung von Verantwortung – daher auch ihre Beliebtheit.« (S. 154) Stattdessen gehöre Erkenntnistheorie mit einer Ethik verbunden, die die Übernahme der Verantwortung für die gemachten Erkenntnisse einfordert. Denn Objektivität sei eine Autorität; ein Guru, der Beobachter und Welt voneinander trennt, nur um zu einer Wahrheit zu gelangen, die weitere Unterschiede markiert, zwischen Wahrsager und Lügner.

Nachtrag: Über dieses Bild von Dai Kaizen bin ich auf den Soziopod von Nils Köbel und Patrick Breitenbach aufmerksam geworden. In der 19. Ausgabe mit dem Titel »Konstruktivismus – Die Wahrheit mit Halbwertszeit« kommt auch das hier gelesene Buch zur Sprache.

Außerdem hat mich Christopher Buschow über Twitter auf den von Dirk Baecker am 4. Oktober 2002 in der FAZ veröffentlichten Nachruf auf Heinz von Foerster hingewiesen, den die Uni Wien hier konserviert hat: http://www.univie.ac.at/constructivism/HvF/baecker02nachruf.html

Und: Ende 2013 gab es im WDR 3 ein Radio-Feature zu »Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Der Physiker Heinz von Förster und die Realität.«, das hier nachgehört werden kann: http://www.wdr3.de/hoerspielundfeature/wahrheitistdieerfindungeinesluegners100.html

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