Gelesen: Niklas Luhmann – beobachtet

Fuchs, Peter (1993): Niklas Luhmann – beobachtet. Einführung in die Systemtheorie (2. Auflage). Opladen: Westdeutscher Verlag.

Für diese Einführung in die Systemtheorie hat sich Peter Fuchs ein interessantes Format einfallen lassen: Anstatt des sonst so üblichen schriftlichen Monologs wählte er die dialogische Form eines Theaterstücks. Dessen Hauptdarsteller ist der Universitätsdozent Martin H. T. Siebenschwan, der unter anderem den Sozialwissenschaftler Dr. Hasso Beben, das studentische Paar Frederik und Frieda sowie den Theologen Fredemar Woltersbeck durch ein Privatissimum zur Systemtheorie führt.

Begonnen wird die außeruniversitäre Lehrveranstaltung mit der Theorie selbst, ihrer zirkulären Komplexität, den Schwierigkeiten im Verstehen und fehlendem Verständnis. Dabei kristallisieren sich mit Hasso Beben und Frederik früh zwei Antagonisten zu Siebenschwan heraus, die ihn das ganze Stück über nicht verstehen (können oder wollen). Ihre Reaktanz zwingt Siebenschwan dazu, sich bis zum Schluss ausführlich zu erklären, mehrfach zu wiederholen und überzeugend zu verteidigen; was die Lektüre nicht nur lebhafter macht, sondern auch den Verstehens- und Verständnisschwierigkeiten der Leserinnen und Leser entgegenkommt.

Im weiteren Verlauf der Erzählung wird die Systemtheorie Schritt für Schritt aufgebaut: Vom Prinzip der Unterscheidung sowie der Beobachtung erster und zweiter Ordnung, über Formtheorie, Sinn, Komplexität, das Verhältnis von System und Umwelt, doppelte Kontingenz und Strukturbildung, bis hin zu Kommunikation, ihrem Verhältnis zu Bewusstsein, Handlung, empirischer Forschung und dem Konzept Mensch sowie schließlich ihrer Rolle für Gesellschaft und deren funktioneller Differenzierung. All diese Konzepte werden von den fiktiven Beteiligten gemeinsam erarbeitet und teilweise sehr konfrontativ diskutiert. Sie präsentieren sich dabei aber nicht nur durch das Drüber-Reden der Figuren, sondern finden sich beispielhaft immer auch in der Kommunikation über diese Konzepte selbst szenisch wieder. So liefert Peter Fuchs neben der theoretischen Erklärung immer auch gleich ein anschauliches, wenn auch manchmal etwas gezwungen eingeschobenes Fallbeispiel. Diese kreative Umsetzung macht das Buch zu einem wirklich gut nachvollziehbaren Einführungsband, bei dem es sich tatsächlich mehr um eine Einführung in die Systemtheorie als um eine Beobachtung der Person Niklas Luhmann handelt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s