Reise nach Jerusalem

Reise nach Jerusalem

shaggyshoo | flickr.com

Auf dem Weg zur Professur steht man als Nachwuchswissenschaftler/in vor so mancher Herausforderung: Lehre, Forschung, Diss und Orgakram, alles muss man unter einen Hut bekommen. Bestenfalls besser als die anderen. Doch zum Glück sind wir nicht unvorbereitet. Auf den Kindergeburtstagen von damals haben wir alles schon einmal durchgespielt.

Wir erinnern uns: Am Anfang eines jeden Kindergeburtstages stand immer eine Einladung. Manchmal bunt verziert mit Blumen, Partyhüten oder Luftschlangen, manchmal eher im nüchternen Formular-Stil gehalten, in jedem Fall aber feierlich überreicht und voller Stolz entgegengenommen. Für den Einladenden war sie das Ergebnis wohl überlegter Auswahl. Für den Eingeladenen ein Ausweis des Auserwählt-Seins.

Entsprechend selbstbewusst wurde das damals noch unbekannte Terrain des gastgebenden Hauses betreten – die elterlichen Flanken gegen schwindelerregende Unabhängigkeit getauscht. Unsere Neugierde auf fremde Gesichter verdrängte dabei die mitschwingende Furcht vor ihnen. Alles Neue wurde Abenteuer. Es folgten die obligatorischen Spiele.

Dabei handelte es sich um eine eher ambivalente Angelegenheit. Einerseits haben sie uns großen Spaß bereitet, andererseits sorgten sie zuverlässig für Geheule. Denn egal ob Stop-Tanzen, Lakritzschnecken-Wettessen oder Eierlauf: Kindergeburtstagsspiele sind als Riesenspaß verkleidete Wettbewerbe, bei denen die auserwählten Gäste beweisen wollen, dass die Wahl zurecht auf sie fiel. Denn sie wissen: Nach dem Kindergeburtstag ist vor dem Kindergeburtstag.

Diese Kindergeburtstagswettbewerbe waren also gewollt, die Möglichkeit zum Beweis wurde gefordert. Ohne sie sind solcherlei Parties undenkbar. Obwohl und gerade weil sie nur wenige Sieger, dafür aber jede Menge Verlierer kennen.

Erstes Beispiel Schnitzeljagd (Promotion): Gummistiefel an und raus ins Feld! – Die große Bewegungsfreiheit tut anfangs noch sehr gut. Schnell aber wird klar: Wer sich zu viel umschaut, kommt vom Weg ab und wird den Schatz nicht finden. Die Freude an der Freiheit verkehrt sich plötzlich ins Ärgernis fehlender Orientierung. Denn Schnitzeljagd bedeutet ja vor allem: Nicht genau zu wissen, wo es lang geht. Und so arbeitet man sich von Meilenstein zu Meilenstein, immer in der Hoffnung, den anderen nicht all zu sehr hinterherzuhinken.

Dann das Topfschlagen (Forschung): Bei diesem Spiel ist es ähnlich wie bei der Schnitzeljagd. Zwar dauert es nicht ganz so lange wie so eine Schatzsuche, aber auch hier sind Schwierigkeiten bei der Orientierung vorprogrammiert: Denn insbesondere am Anfang ist man blind für die richtige Richtung und dementsprechend auf die Hilfe derjenigen angewiesen, die wissen, wo es etwas zu holen gibt. So eine Teamarbeit ist im Grunde eine feine Sache, allerdings stochert man doch ziemlich im Leeren, wenn sich die vielen Richtungstipps andauernd widersprechen: Wärmer! – Kaaalt! – HEISS!!!!

Das Sackhüpfen (Orgakram) ist hingegen eines der eher seltsamen Spiele. Ebenso wie beim Topfschlagen wird eine körperliche Behinderung simuliert. Aber hier steht diese Behinderung im diametralen Gegensatz zum eigentlichen Ziel des Spiels, nämlich schnell voran zu kommen. Wettrennen sind ja eigentlich cool. Aber doch nur, wenn man von den nötgen Applikationen auch unterstützt wird. Ganz anders ist es aber beim Sackhüpfen: Hier sind die Einschränkungen teilweise so stark, dass der Wettkampf gegen die eigentlichen Konkurrenten vom Wettkampf gegen den Sack, den man da am Bein hat, überlagert wird. Ein schweißtreibender und zäher Spaß.

Angenehmer geht es bei der Stillen Post (Lehre) zu. Es ist wohl das entspannteste aller Kindergeburtstagsspiele. Zum einen steht bei diesem Spiel nicht der Wettbewerb im Vordergrund; alleine die verständliche Weitergabe bestimmter Botschaften an die Nächsten ist wichtig. Zum anderen fällt es – wenn bei dieser Weitergabe dann doch mal etwas schief gegangen sein soll – ganz einfach, die Schuld von sich abzuweisen, nach dem Motto: Ich habe nichts falsches gesagt, du hast es nur falsch verstanden! Natürlich gibt man sich Mühe, die Botschaften richtig zu übermitteln. Wenn man sich nicht sicher ist, wird es aber meist einfach überspielt. Man darf sich halt nur nicht erwischen lassen.

Kommen wir schließlich zur Reise nach Jerusalem (Stellenbesetzung). Dieses Spiel hat alles, was ein Kindergeburtstag braucht: Spannung, Action, Glücksgefühle. Und das Prinzip ist kinderleicht: Tanz, so lange die Musik läuft. Und schnapp dir einen Stuhl, sobald sie aufhört. Der Knackpunkt ist: Es gibt viel weniger Stühle als Kinder. Nur wer einen Sitzplatz ergattert, bleibt im Spiel, alle anderen fliegen raus. Für immer. So einfach ist das. Und so grausam für diejenigen, die es nicht schaffen. Von ausgelassenem Tanz kann deshalb keine Rede sein. Es ist ein Wettbewerb aller gegen alle. Jeder kämpft für sich. Und am Ende gewinnt, wer noch genug Kraft von der Party übrig hat. Oder wer zur richtigen Zeit am richtigen Ort steht.

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2 Gedanken zu „Reise nach Jerusalem

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