Klassiker der Kommunikationstheorie I

Claude E. Shannon

Claude E. Shannon, Foto: Abode of Chaos | flickr.com

Es gibt Namen, Theorien, Begriffe und Überlegungen, auf die stößt man in der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft immer wieder: Die Lasswell-Formel zum Beispiel, das Riepl’sche Gesetz oder Habermas‘ Strukturwandel. Die meisten kennen sie, doch nur die wenigsten haben die entsprechenden Texte gelesen. Grund genug, sie zum Gegenstand eines Lektüreseminars zu machen. Ein kleiner Rückblick, Teil 1: Kommunikation.

Nachdem ich im vergangenen Sommersemester mein erstes, zum Glück einigermaßen standardisiertes Seminar zur empirischen Kommunikationsforschung geleitet habe, durfte ich in diesem Winter erstmals eine von mir selbst konzipierte Lehrveranstaltung halten. Das Tolle an dieser Autonomie in Themenwahl und Konzeption ist, dass man seine Freiheit dazu nutzen kann, aus einer Lehr- eine Lernveranstaltung zu machen; wenn es also gelingt, dass nicht nur die Studierenden, sondern auch der Dozent bzw. die Dozentin etwas dazulernen können.

Ich gebe gerne zu, dass meine eigenen Lernbedürfnisse keine ganz unwichtige Rolle gespielt haben, als ich mich für ein Lektüreseminar mit dem Titel „Klassiker der Kommunikationstheorie“ entschieden habe. Ein Lektüreseminar wollte ich als Student selbst immer schon mal besuchen, hatte aber leider nie die Gelegenheit dazu. Dass es dann klassische Texte wurden, die ich für die gemeinsame Lektüre vorschlug, liegt in erster Linie daran, dass ich selbst feststellen musste, wie sehr die Relevanz dieser Literatur für unser Fach meine Kenntnisse über diese Texte in den Schatten stellte. Wenn ich einleitend also behauptet habe, „die wenigsten“ hätten diese Texte gelesen, so habe ich in diesem Fall von mir auf andere geschlossen. Meinen Studierenden hingegen wird eine ähnliche Feststellung zukünftig hoffentlich erspart bleiben.

Merten, Klaus (1977): Kommunikation. Eine Begriffs- und Prozeßanalyse. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Das Seminar habe ich in drei etwa gleich große Abschnitte aufgeteilt: „Kommunikation“, „Medien“ und „Öffentlichkeit“. Los ging es mit Kommunikation. Und welcher Text eignet sich zum Einstieg in dieses Thema besser als das gleichnamige Buch von Klaus Merten? In seiner beispiellos akribischen Begriffsanalyse hat er 160 Definitionen gesammelt und auf ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede hin untersucht. Beschäftigt haben wir uns nur mit dem zweiten und dritten Kapitel, doch reicht dieser Ausschnitt allemal aus, um einen Eindruck von der Vielfalt der definitorischen Bemühungen des wohl wichtigsten Begriffs der Kommunikationswissenschaft zu bekommen.

Wer verschiedene Sicht- und Denkweisen kennen, verstehen und kritisieren lernen möchte – und dies war und ist ein Ziel dieses Seminars – muss zuerst einmal lernen, dass es diese verschiedenen Ansätze gibt und dass sie gleichberechtigt nebeneinander stehen. Gerade für Erstsemester ist es nicht immer leicht zu akzeptieren, dass es nicht „die eine richtige“ Definition oder Erklärung gibt, sondern dass diese höchstens mehr oder weniger plausibel oder hilfreich sein können.

Merten liefert mit seinem Text tatsächlich einen idealen Einstieg ins Thema: Er geht sehr systematisch vor, ist leicht zu lesen und konfrontiert die Studierenden gekonnt mit dem Prinzip epistemologischer Kontingenz: Kommunikation als Transmission, Verständigung, Austausch, Teilhabe, Interaktion usw. Dabei war erstaunlich und für mich auch überraschend zu sehen, mit welchem Verve und mit wie viel Spaß die Studierenden darüber diskutierten, in welchem Verhältnis diese Begriffskonzepte zueinander stehen (könnten).

Lasswell, Harold D. (1948): The Structure and Function of Communication in Society. In: Bryson, Lyman (Hrsg.): The Communication of Ideas. A Series of Addresses. New York: Cooper Square Publishers, S. 37-51.

Es folgte die gute alte Lasswell-Formel. Wobei es wohl korrekter wäre zu sagen, dass gar nicht sie, sondern der Text, in dem Lasswell sein „Who says what in which channel to whom with what effect“ erstmals platzierte, zur Lektüre stand. Denn dieser Text hat – bis auf den Umstand, dass die Formel darin vorkommt – eigentlich nicht viel mit ihr zu tun. Lasswell benutzt sie lediglich als Einstieg – und zwar in einer Weise, die die Studierenden und mich vor dem Hintergrund der Kritik an dieser mutmaßlich „lückenhaften“ Systematisierung sehr überraschte.

Denn kurz nachdem Lasswell den „convenient way to describe an act of communication“ (S. 37) so einprägsam vorstellt, distanziert er sich gleich von eben dieser Herangehensweise, Kommunikation über die Zerlegung in ihre Bestandteile zu untersuchen. Er schreibt: „We are less interested in dividing up the act of communication than in viewing the act as a whole in relation to the entire social process.“ (S. 38) Entsprechend beschäftigt er sich im weiteren Verlauf des Textes vorrangig – und in einer manchmal etwas humpelnden Analogie zu biologischen Organismen – auch mit Kommunikation auf gesellschaftlicher Ebene.

Dass Lasswell für eine Formel kritisiert wird, die er zum Ersten gar nicht als solche konzipiert hat, und von der er sich zum Zweiten selbst distanziert, führte in unserem Seminar zu der Frage, wie es zu solcher Kritik überhaupt kommen kann. Einige Studierende versuchten, dies mit fehlenden Alternativen einer solchen Systematisierung in jener Zeit zu erklären, andere wiederum vermuteten, hier habe das Stille-Post-Prinzip zu Missverständnissen geführt. Einig waren wir uns jedenfalls darüber, dass die prominente Stellung der „Formel“ gleich am Textanfang einiges dazu beigetragen haben muss, dass die zentralen Thesen des Textes bis heute eher unbekannt sind. Und ich muss sagen, dass ich mich in meiner erwähnten Unterstellung bzgl. der Rezeptionserfahrung unter anderem auch bei diesem Text bestätigt fühlte.

Shannon, Claude E. / Weaver, Warren (1976): Mathematische Grundlagen der Informationstheorie. München/Wien: R. Oldenbourg.

Auf diesen Text hatte ich mich besonders gefreut. Denn Kommunikation aus einer mathematischen Perspektive zu beleuchten, ist nicht nur ungewöhnlich, sondern auch sehr erkenntnisreich. Dabei muss vorweg gesagt werden, dass die Entwicklung des informationstheoretischen Modells in erster Linie ein Verdienst von Claude E. Shannon ist. Ohne die Erläuterungen von Warren Weaver allerdings hätte diesen Ansatz außerhalb der Mathematik wohl niemand verstanden. Denn Shannon beschränkt sich in seiner Buchhälfte, der zweiten, weitgehend auf eine mathematische Notation, die eine Auseinandersetzung mit seinen Ideen und Thesen nicht gerade schmackhaft machen. Diese stellt Weaver deshalb selbst für Sozialwissenschaftler/innen verständlich in der ersten Buchhälfte vor. Auf sie haben wir uns in unserer Lektüre beschränkt.

Unter Kommunikation verstehen die beiden die Übertragung von Informationen über einen Kanal. So unpopulär dieses Verständnis in unserem Fach auch ist, es folgen daraus sehr spannende Überlegungen. Zentral ist dabei der Informationsbegriff: „Information in der Kommunikationstheorie bezieht sich nicht so sehr auf das, was gesagt wird, sondern mehr auf das, was gesagt werden könnte. Das heißt, Information ist ein Maß für die Freiheit der Wahl, wenn man eine Nachricht aus anderen aussucht.“ (S. 18) Information besteht demnach also nicht – wie im Alltagsverständnis – nur aus dem jeweils Mitgeteilten, sondern sie ist ein Ausschnitt aus einem Pool von potenziell mitteilbaren Informationen. Entsprechend wird mit jeder Information gleichzeitig immer auch darüber informiert, was zwar ebenso hätte gesagt werden können, aber eben nicht gesagt wurde.

Mit Hilfe von Bleistift und Papier bzw. Tafel und Kreide lässt sich dieses Begriffskonzept leichter darstellen als – wie hier – im Fließtext. Dennoch war die gedankliche Abkehr vom Alltagsverständnis dieses Begriffs für unser Seminar auch so keine einfache Sache, zumal sie bei der weiteren Textlektüre stets durchgehalten werden musste. Deshalb verzichte ich an dieser Stelle auch darauf, hier die weiteren Überlegungen von Shannon und Weaver zu Wahrscheinlichkeit, Entropie, Redundanz und Codierung von Informationen auszubreiten. Nur so viel: Die (Re-)Lektüre lohnt.

Maletzke, Gerhard (1963): Psychologie der Massenkommunikation. Theorie und Systematik. Hamburg: Verlag Hans Bredow Institut.

Mit diesem Klassiker von Gerhard Maletzke kamen wir dann zur Massenkommunikation als die für unser Fach bisher wohl wichtigste Kommunikationsform. Was Maletzke unter Massenkommunikation versteht, ist dabei hinlänglich bekannt und dank seiner sehr systematischen Vorgehensweise auch leicht zu verstehen. Nach einer differenzierten Analyse der Begriffe „Kommunikation“ und „Masse“ fasst er diese wie folgt zusammen: „Unter Massenkommunikation verstehen wir jene Form der Kommunikation, bei der Aussagen öffentlich, durch technische Verbreitungsmittel, indirekt und einseitig an ein disperses Publikum vermittelt werden.“ (S. 32) 

All dies bot uns aber eher wenig Stoff für eine interessante Diskussion. Die Übertragung der Definition und seines Feldschemas auf das Internet sorgte hingegen für rege Beteiligung: So wurde zum Beispiel Maletzkes Definition von Kommunikation als „Bedeutungsvermittlung unter Lebewesen“ (S. 18) in Frage gestellt: Kommuniziert nicht auch der Algorithmus von Google mit uns? Oder handelt es sich bei solchen Algorithmen um Vermittler von Kommunikation? Und falls wir letzteres annehmen, gibt es dann neben einem dispersen Publikum nicht auch disperse Kommunikatoren? Wer wäre sonst der Kommunikator im Falle einer Google-Suche? Oder bei Wikipedia? So engagiert für die verschiedenen Positionen auch gestritten wurde, so schnell wurde deutlich, dass wir für plausible Antworten wohl auf jede Menge Doktorarbeiten warten müssen.

Luhmann, Niklas (1995): Was ist Kommunikation? In: ders.: Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 113-124.

Ich musste ein wenig suchen, bis ich einen Text von Luhmann zum Kommunikationsbegriff gefunden habe, den ich Studierenden im ersten Semester zur Lektüre vorsetzen kann, ohne dafür in der entsprechenden Sitzung 40 Kopftipper zu ernten. Aber ich habe ihn gefunden und möchte ihn auch gleich all jenen ans Herz legen, die sich noch immer schwer damit tun, sich ein Konzept von Kommunikation vorzustellen, in dem „der Mensch nicht vorkommt“.

Genau dieses Hineindenken in solch eine fremde Herangehenweise war ja eines der Seminarziele. Und ich bin begeistert, wie gut den Studierenden dies auf Anhieb gelungen ist (weit besser als mir damals!). Kommunikation als dreistellige Selektion aus Information, Mitteilung und Verstehen zu denken, ist meines Erachtens schon schwer genug. Da wir von Shannon und Weaver aber schon sehr gut auf das selektionstheoretische Verständnis von Information vorbereitet wurden (s.o.), war lediglich das Verstehen des „Verstehen“ eine Hürde, die – so ist mein Eindruck – aber genommen wurde.

Selbst so schwierige Konzepte wie Operative Geschlossenheit, Autopoiesis und Kybernetik konnten mit Hilfe der Unterscheidung in biologische, psychische und soziale Systeme und anhand von Beispielen wie Gedankenübertragung, neuen Ideen und Körpertemperatur angegangen werden. Für eine tiefere Einführung in die Theorie sozialer Systeme war selbstverständlich zu wenig Zeit, dennoch haben die Studierenden nun das nötige Rüstzeug für eine weitere Beschäftigung mit dieser Theorie. Der Seminarabschnitt „Kommunikation“ war damit abgeschlossen.

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2 Gedanken zu „Klassiker der Kommunikationstheorie I

  1. dieterbohrer

    Danke für diesen schönen Text: Von den fünf genannten Texten kannte ich vom Selberlesen (und Besitzen) nur einen: den von Luhmann. Jetzt muss ich mir wohl selber ein drei minus geben.

    Antwort
    1. strippel Autor

      Es freut mich, dass Ihnen der Beitrag gefällt. Demnächst folgen auch noch Teil 2 (Medien) und 3 (Öffentlichkeit); vielleicht kommen Ihnen da ja einige Texte mehr bekannt vor. Falls ja, freue ich mich über weitere Kommentare und Anmerkungen.

      Antwort

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